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Das Abnahmeprotokoll ist das Bauwerk: OTDR-Messung als Nachweis, nicht als Formalie

Eine Glasfaserstrecke ist erst abgenommen, wenn ihr Zustand nachweisbar dokumentiert ist. Was ein prüffähiges Messprotokoll enthalten muss – und warum die Richtung der Messung darüber entscheidet.

Fachredaktion We-three GmbH 8 Minuten Lesezeit
Montage und Spleißen einer Glasfasermuffe

Von allen Gewerken im Glasfaserausbau ist die Messtechnik dasjenige, dessen Ergebnis am wenigsten verhandelbar ist. Ein Trenchingschlitz kann diskutiert werden, eine Terminverschiebung erklärt. Eine Dämpfungskurve nicht. Sie zeigt, was auf der Strecke passiert ist.

Genau deshalb ist das Messprotokoll in vielen Projekten der am schlechtesten geführte Teil der Dokumentation. Es entsteht am Ende, unter Termindruck, oft von wechselndem Personal – und wird zum Streitgegenstand, sobald Jahre später eine Störung auftritt und die Frage lautet, in welchem Zustand die Strecke übergeben wurde.

Was ein OTDR misst – und was nicht

Ein optisches Rückstreumessgerät sendet kurze Lichtpulse in die Faser und misst, wie viel Licht zu welchem Zeitpunkt zurückkommt. Aus der Laufzeit ergibt sich die Position eines Ereignisses, aus der Intensität dessen Dämpfung. Das Resultat ist eine grafische Darstellung der gesamten Strecke: Jeder Spleiß, jeder Stecker und jede Biegung wird sichtbar, einschließlich der Stelle, an der ein Verlust entsteht.

Diese Ortsauflösung ist die eigentliche Stärke des Verfahrens – und der Grund, warum ein OTDR-Protokoll nicht durch eine reine Einfügedämpfungsmessung ersetzt werden kann. Eine Pegelmessung nach dem LSPM-Verfahren liefert den korrekteren Absolutwert der Streckendämpfung. Sie sagt aber nicht, wo dieser Wert entsteht. Für die Abnahme werden beide Verfahren benötigt, nicht eines von beiden.

LSPM beantwortet die Frage „Wie viel Dämpfung hat die Strecke?". OTDR beantwortet die Frage „Woher kommt sie?". Für eine belastbare Abnahme braucht es beide Antworten.

Der normative Rahmen

Für Abnahmemessungen an installierten Einmodenfaser-Anlagen ist die DIN EN 61280-4-2 die maßgebliche Norm; sie gilt für die Messung der Dämpfung und der optischen Rückflussdämpfung. Ergänzend werden Abnahmemessungen mittels OTDR- und Dämpfungsmessung nach IEC 61280-4-1 sowie TIA-526-14-B durchgeführt. Für die Bewertung der Einfügedämpfung von Verkabelungsstrecken gibt die DIN EN 50173-1 Grenzwerte vor.

Für FTTH-Anwendungen, optische Verteilnetze und Abnahmeprüfungen ist die Einhaltung dieser Standards nicht optional. Sie ist der Unterschied zwischen einer Messung und einem Nachweis.

Warum bidirektional gemessen werden muss

Eine Einrichtungsmessung kann systematisch falsche Werte liefern. Der Grund liegt in unterschiedlichen Rückstreukoeffizienten der verspleißten Fasern. Treffen zwei Fasern mit leicht abweichendem Modenfelddurchmesser aufeinander, erscheint der Spleiß aus einer Richtung gemessen dämpfungsärmer als er ist – im Extremfall als scheinbarer Gewinn, der physikalisch unmöglich ist.

Aus der Gegenrichtung gemessen kehrt sich der Effekt um. Erst der Mittelwert beider Richtungen ergibt die tatsächliche Spleißdämpfung. Ein Protokoll, das nur eine Richtung ausweist, ist deshalb kein Qualitätsnachweis, sondern eine Momentaufnahme mit bekanntem systematischem Fehler – und im Streitfall entsprechend wenig wert.

Was ein prüffähiges Protokoll enthält

Ein verwertbares Abnahmeprotokoll dokumentiert nicht nur Messwerte, sondern die Bedingungen, unter denen sie zustande kamen. Ohne diese Rahmendaten ist ein Wert nicht reproduzierbar – und damit nicht überprüfbar.

  • Streckenidentifikation: Faser-, Kabel- und Muffenkennung, Anfangs- und Endpunkt, Länge
  • Messparameter: Wellenlänge, Pulsbreite, Messbereich, Mittelungszeit, Brechzahl
  • Richtung: beide Messrichtungen, ausgewiesen und gemittelt
  • Ereignisliste: Position, Art und Dämpfung jedes Ereignisses gegen den vereinbarten Grenzwert
  • Gerät und Kalibrierung: Typ, Seriennummer, Kalibrierstand
  • Rahmendaten: Datum, ausführende Person, Vorlauf- und Nachlauffaser
  • Rohdaten: Kurvendateien im herstellerneutralen Format, nicht nur als PDF-Ausdruck

Der letzte Punkt wird regelmäßig unterschätzt. Ein PDF zeigt, was der Messende gesehen hat. Die Rohdatei erlaubt eine erneute Auswertung mit anderen Schwellwerten – und ist damit das Einzige, was in einem späteren Gutachten Bestand hat.

Grenzwerte gehören in den Vertrag, nicht in die Diskussion

Ein häufiger Konfliktpunkt bei der Abnahme ist die Frage, welcher Wert noch akzeptabel ist. Diese Diskussion ist im Abnahmetermin nicht mehr zu gewinnen – von keiner Seite. Grenzwerte für Spleißdämpfung, Steckerdämpfung, Gesamtstreckendämpfung und Rückflussdämpfung gehören in die Leistungsbeschreibung, mit Bezug auf die anzuwendende Norm und die zu messende Wellenlänge.

Wo diese Werte fehlen, entsteht ein Auslegungsspielraum, den beide Seiten unterschiedlich nutzen. Wo sie stehen, ist die Abnahme eine Prüfung – kein Aushandeln.

Ein Abnahmetermin, in dem über Grenzwerte diskutiert wird, war schon bei der Ausschreibung schlecht vorbereitet.

Einordnung

Die Messtechnik ist der Punkt, an dem sich Bauqualität objektivieren lässt. Sie ist damit zugleich das wirksamste Instrument des Auftraggebers und der beste Schutz des ausführenden Betriebs. Ein vollständiges, bidirektionales, normbezogenes Protokoll mit gesicherten Rohdaten belegt den Zustand zum Zeitpunkt der Übergabe – und beendet damit jede spätere Diskussion darüber, ob ein Fehler von Anfang an vorhanden war oder im Betrieb entstanden ist.

In dieser Funktion ist das Protokoll kein Anhang zur Bauleistung. Es ist der Teil der Bauleistung, der am längsten Bestand hat.

Quellen

  1. DKE: Norm zur Prüfung von Glasfaserverkabelungen aktualisiert. https://www.dke.de/2317358
  2. eudisa GmbH: Die Bedeutung der bidirektionalen OTDR-Messung für die Qualitätssicherung in LWL-Netzen. https://www.eudisa.com/die-bedeutung-der-bidirektionalen-otdr-messung-fuer-die-qualitaetssicherung-in-lwl-netzen/
  3. Datanet Networks: LWL- und Kupfer-Messtechnik. https://www.datanet-networks.com/lwl-und-kupfer-messtechnik/
  4. MittelstandsWiki: Wie Multimode-Glasfaserverbindungen zu prüfen sind. https://www.mittelstandswiki.de/wissen/LWL-Verkabelung/

Alle Quellen zuletzt geprüft im Juli 2026. Angaben Dritter geben wir mit Verweis wieder; Einordnungen und Schlussfolgerungen stammen von uns.

Fachredaktion We-three GmbH

Die We-three GmbH aus Köln arbeitet deutschlandweit in den Bereichen Vertrieb & Marketing, Mietwagenmanagement und Glasfaserinfrastruktur. Die Beiträge stützen sich auf öffentlich zugängliche Quellen, die am Ende jedes Artikels vollständig genannt und verlinkt sind.

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