Start/Wissen/Glasfaser

Glasfaser

Der Engpass ist nicht die Faser, sondern die Kolonne

Kapital für den Glasfaserausbau ist vorhanden, Fördermittel ebenfalls. Was fehlt, sind Menschen, die bauen. Warum der Fachkräftemangel im Tiefbau zum bestimmenden Faktor der Gigabitziele geworden ist.

Fachredaktion We-three GmbH 7 Minuten Lesezeit
Glasfaserkabel und Werkzeug auf einer Werkbank

In Diskussionen über den Glasfaserausbau dominieren zwei Erklärungen für Verzögerungen: Genehmigungsverfahren und Finanzierung. Beide sind real. Beide sind jedoch nachgeordnet gegenüber einem Faktor, der sich weder durch Gesetzesänderung noch durch Kapitalzufuhr kurzfristig beheben lässt.

Nach dem DIHK-Fachkräftereport ist der Tiefbau eine der am stärksten betroffenen Branchen überhaupt: Nahezu zwei Drittel der Betriebe – rund 62 Prozent – berichten von Fachkräfteengpässen. Eine bereits 2018 vorgelegte Untersuchung zu Tiefbaukapazitäten als Engpass des FTTB/H-Ausbaus benannte die Ursachen, die bis heute gelten.

62 %der Tiefbaubetriebe melden Fachkräfteengpässe
2030Zieljahr der Gigabitstrategie
4,9 Mio.neu erschlossene Haushalte allein 2025

Ein struktureller, kein konjunktureller Mangel

Die zitierte Untersuchung nannte mehrere Ursachen, die zusammenwirken: Unternehmen stellen nur einen Bruchteil ihrer Kapazitäten für den FTTB/FTTH-Ausbau bereit, große Bauunternehmen engagieren sich kaum im Glasfaserausbau, es besteht ein erheblicher Personalmangel bei hochqualifizierten Fachkräften für Tiefbautätigkeiten – und auch Kommunen und Behörden fehlen Ressourcen.

Der letzte Punkt wird selten mitgedacht. Ein Genehmigungsverfahren dauert nicht deshalb lange, weil die Verwaltung unwillig wäre, sondern weil dort ebenfalls Personal fehlt. Ein Ausbau, der Genehmigungskapazität überfordert, verlagert den Engpass lediglich vom Bagger ins Bauamt.

Warum Kapazität nicht gleich Verfügbarkeit ist

Für Netzbetreiber ergibt sich daraus eine Planungsrealität, die sich von anderen Infrastrukturprojekten unterscheidet. Die Frage lautet nicht, ob im Markt genügend Tiefbaukapazität existiert. Sie lautet, ob diese Kapazität zum benötigten Zeitpunkt am benötigten Ort verfügbar ist – und ob sie für Glasfaserausbau qualifiziert ist.

Beides ist häufig nicht der Fall. Tiefbauunternehmen mit Auftragsbüchern im Kanal-, Straßen- oder Leitungsbau haben wenig Anlass, in ein Segment zu wechseln, das andere Qualifikationen, andere Dokumentationsanforderungen und häufig engere Margen mit sich bringt. Die Empfehlung der Untersuchung lautete entsprechend, dem Fachkräftemangel höchste Priorität einzuräumen, bestehende Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen auszuweiten und Arbeitskräfte aus angrenzenden Tätigkeitsfeldern zu qualifizieren.

Der Glasfaserausbau konkurriert nicht mit anderen Glasfaserprojekten um Kolonnen. Er konkurriert mit dem gesamten Tiefbaumarkt.

Die drei Qualifikationsengpässe

In der Praxis verteilt sich der Mangel ungleichmäßig. Drei Rollen sind besonders schwer zu besetzen – und sie liegen an unterschiedlichen Stellen der Wertschöpfungskette.

Bauleitung und Bauüberwachung

Der Engpass mit der größten Hebelwirkung. Eine fehlende Bauleitung blockiert nicht eine Kolonne, sondern mehrere gleichzeitig. Die Rolle verlangt bautechnisches Wissen, Kenntnis der Dokumentationsanforderungen, Verhandlungsfähigkeit gegenüber Kommunen und Belastbarkeit im Nachunternehmermanagement – eine Kombination, die sich nicht kurzfristig anlernen lässt.

Spleißtechnik und Messung

Anders als der Tiefbau ist die Faserarbeit weniger körperlich, aber stärker gerätegebunden. Ein Spleißtechniker, der bidirektionale Messungen sauber auswertet und interpretiert, ist ein qualifizierter Facharbeiter – kein angelernter Helfer. Diese Qualifikation ist der Flaschenhals zwischen fertigem Tiefbau und abnahmefähiger Strecke.

Dokumentation und Netzplanung

Die am häufigsten unterschätzte Rolle. Bestands-, Leitungs- und GIS-Dokumentation entscheidet über die Abrechenbarkeit eines Bauabschnitts. Fehlt sie, ist die Leistung erbracht, aber nicht abnahmefähig – mit unmittelbarer Wirkung auf die Liquidität des ausführenden Betriebs.

Was sich planerisch daraus ableiten lässt

Wer Ausbauprojekte terminiert, sollte Personalverfügbarkeit als eigenständige Planungsgröße behandeln – nicht als Annahme. Konkret bedeutet das drei Dinge.

  1. Ressourcenplanung vor Terminplanung. Ein Bauzeitenplan, der Kolonnenverfügbarkeit unterstellt, statt sie zu prüfen, ist eine Absichtserklärung.
  2. Gewerkeweise Betrachtung. Tiefbau, Montage, Messung und Dokumentation haben unterschiedliche Engpässe. Eine gemittelte Kapazitätsannahme verdeckt genau die Stelle, an der es klemmt.
  3. Realistische Pufferzeiten an Qualifikationsengpässen. Ein Puffer im Tiefbau nützt wenig, wenn die Strecke anschließend sechs Wochen auf einen Messtermin wartet.

Einordnung

Die Gigabitstrategie formuliert ein Mengenziel. Erreicht wird es durch Menschen mit spezifischen Qualifikationen, die derzeit knapp sind und deren Ausbildung Jahre dauert. Solange dieser Zusammenhang in der Projektplanung als Randbedingung statt als bestimmende Größe behandelt wird, werden Terminpläne weiterhin systematisch überschritten.

Für Auftraggeber ist die praktische Konsequenz weniger dramatisch, als sie klingt: Wer Personalverfügbarkeit früh prüft, Gewerke einzeln betrachtet und Qualifikationsengpässe benennt, kommt zu Terminplänen, die halten. Das ist kein schnellerer Ausbau – aber ein verlässlicherer.

Quellen

  1. DIHK: Fachkräftereport 2025/2026 (PDF). https://www.dihk.de/resource/blob/159714/0ae2cf7cc1789688edf318a7655ad5d4/dihk-fachkraeftereport-2025-2026-data.pdf
  2. SBR-net Consulting: Studie – Flächendeckender Glasfaserausbau kann erheblich beschleunigt werden. https://www.sbr-netconsulting.com/de/veroeffentlichungen/news-sammlung/studie-flaechendeckender-glasfaserausbau-kann-erheblich-beschleunigt-werden/
  3. Gigabitbüro des Bundes: Fachkräfte für den Glasfaserausbau. https://gigabitbuero.de/thema/fachkraefte-fuer-den-glasfaserausbau/
  4. Bundesregierung: Gigabitstrategie. https://www.bundesregierung.de/breg-de/schwerpunkte/gigabitstrategie-2076424

Alle Quellen zuletzt geprüft im Juli 2026. Angaben Dritter geben wir mit Verweis wieder; Einordnungen und Schlussfolgerungen stammen von uns.

Fachredaktion We-three GmbH

Die We-three GmbH aus Köln arbeitet deutschlandweit in den Bereichen Vertrieb & Marketing, Mietwagenmanagement und Glasfaserinfrastruktur. Die Beiträge stützen sich auf öffentlich zugängliche Quellen, die am Ende jedes Artikels vollständig genannt und verlinkt sind.

Passend dazu aus unserer Arbeit: Wir übernehmen einzelne Leistungsphasen oder den vollständigen Ausbau. Glasfaser – Planung, Tiefbau, Montage und Abnahme